Leise Gedanken

Die Angst vor der Tiefe

Von Naty Barth,

Veröffentlicht am 18. Juli 2026   —   2 Min. Lesezeit

Angst vor Tiefe

Zusammenfassung

Die Welt wirkt erstaunlich einfach, solange man nur auf die Oberfläche schaut. Tiefe verändert nicht die Welt. Sie verändert den Blick auf sie.

„Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht.“ (Friedrich Nietzsche in "Also sprach Zarathustra")

Manche Menschen erinnern an einen dunklen See in der Dämmerung. Man weiss nie genau, was sich unter der Oberfläche befindet. Genau das halten viele, der sie umgebenden Zeitgenossen nicht aus. Wenn dann etwas unerwartetes aus dieser Tiefe emporsteigt, das dem Bild nicht entspricht, das sie sich von diesem Menschen gemacht haben, geraten sie in Panik.

Ambiguitätstoleranz nennt man die Fähigkeit, genau das auszuhalten. Es ist die Fähigkeit mit Ungewissheit und Unsicherheit zurechtzukommen.  Und das bezieht sich nicht nur auf komplexe Menschen, sondern auch auf komplexe Themen des Lebens. Denn vieles ist nicht so, wie es schwarz auf weiss in den Medien steht. Oder wie es der nächste Freund oder Nachbar uns erzählt hat.

Situationen oder Menschen in ihrer Tiefe verstehen zu können (und zu wollen) hat nicht nur etwas mit Intelligenz zu tun. Nicht nur mit Bildung. Menschen, die andere als tiefgründig erleben, zeichnen sich häufig dadurch aus, dass sie mehrere Wahrheiten gleichzeitig aushalten können. Dass sie Fragen interessanter finden als schnelle Antworten. Dass sie nicht jeden Menschen sofort in Schubladen sortieren müssen. Dass sie eine grosse Portion Offenheit für neue Erfahrungen und Perspektiven mitbringen.

Tiefe macht das Leben manchmal anstrengender, weil Schwarz-Weiss plötzlich in tausend Grautöne zerfällt.
Doch sie macht es auch reicher.  

Vielleicht ist Tiefe am Ende nichts anderes als die Bereitschaft, länger hinzusehen, wenn alle anderen schon weitergegangen sind.

Und vielleicht ist Tiefe heute deshalb so selten geworden, weil sie etwas verlangt, das kaum noch jemand mitbringt: Die Bereitschaft, sich irren zu können.


🧠 Warum wir so ticken

Die Psychologie bezeichnet mit Ambiguitätstoleranz die Fähigkeit, Widersprüche und Mehrdeutigkeiten auszuhalten, ohne sie sofort auflösen zu müssen. Menschen mit einer hohen Ambiguitätstoleranz können akzeptieren, dass zwei scheinbar gegensätzliche Aussagen gleichzeitig wahr sein können. Zum Beispiel, dass jemand seine Meinung aus guten Gründen geändert hat und man sie trotzdem nicht teilen muss. Oder dass ein Mensch sowohl liebevolle als auch verletzende Seiten in sich tragen kann.

Wer dagegen wenig Ambiguitätstoleranz besitzt, sucht häufiger nach einfachen Kategorien wie richtig oder falsch, gut oder böse. Das schafft schnelle Orientierung, wird der Komplexität des Lebens aber oft nicht gerecht. Die Psychologin Else Frenkel-Brunswik prägte 1949 den Begriff der Ambiguitätstoleranz. Sie entwickelte das Konzept im Rahmen ihrer Forschung zu autoritären Persönlichkeitsstrukturen und stellte fest, dass Menschen mit geringer Ambiguitätstoleranz eher zu starrem Schwarz-Weiss-Denken neigen




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