„Am grössten ist das Glück, wenn es ganz klein ist. Deshalb würde ich, wenn ich mein Leben aufschreiben müsste, nur Kleinigkeiten notieren.“ (Aus dem Film „Die Herrlichkeit des Lebens“ über Franz Kafka)*
Was machen wir eigentlich mit unserer kostbaren Lebenszeit, die in jedem Moment ganz plötzlich vorbei sein könnte? Des Deutschsprachigen Lieblingsbeschäftigung scheinen emotionsgeladene Debatten über mehr oder minder wichtige Themen zu sein, die aber wohl niemals so wichtig wie das Leben selbst sein können. Wenn ich das letzte Jahr Revue passieren lasse, gab es ja von diesen Debatten wieder eine ganze Menge. Wie eigentlich in jedem Jahr davor auch. Themen, die auf jeden Fall gelöst werden, wenn man aufgeregt im Netz und auf der Strasse seinem Anliegen – notfalls auch beleidigend, aber immer mit moralischem Nachdruck Ausdruck verleiht.
Von der Frage, ob es für weisse Menschen zulässig ist, eine bestimmte Frisur zu tragen, die von einem anderen Kulturkreis skrupellos abgekupfert wurde, bis zur gerechten Bestrafung für klebstoffbehaftete Teenager auf Autobahnen - und der Empörung über die Frage, ob es menschlich zulässig ist, sie einfach auf einer Rakete von Elon Musk in Richtung Mars zu befestigen: Egal bei welchem Thema, immer scheint die Klärung so wichtig zu sein, als würde es um Leben und Tod gehen. Im Jahr darauf ist der Käse dann wieder überwiegend ge- und vergessen. Es gibt neue lebensbedrohliche Fragen, um die man sich dringend kümmern muss.
Wir echauffieren uns in moralischer Überlegenheit gegenüber dem andersdenkenden Mitbürger, den wir jederzeit und zu jedem Preis korrigieren müssen. Denn nur so wie WIR denken, ist zu denken zulässig. Von wegen „Die Gedanken sind frei“, wie es in einem Volkslied heisst. Weder das Denken noch dieses in Worte zu fassen, ist grenzenlos. Ganz klar und ohne legitimen Widersrpuch wurde definiert, was rassistisch, sexistisch, narzisstisch, frauenfeindlich, rechtsextrem, unsinnig, unlogisch, unethisch, unglaubwürdig, unmoralisch, unwahr, idiotisch, unangebracht, unwissenschaftlich, illegal, zu verachten ist, worüber man Witze machen darf und worüber nicht.
Von wem eigentlich? Und noch wichtiger: Warum? Früher war das ja Gott, der sowas festgelegt und für die Infragestellung dieser Regeln schon mal die Todesstrafe verhängt hat. Wer spielt eigentlich heute diese Gottesrolle?
Die „kleinen“ Dinge
Um nochmals auf das eingangs erwähnte Filmzitat zurückzukommen: Wenn uns diese sinnbefreiten Debatten über Richtig und Falsch nicht wirklich weiterbringen – und das tun sie erfahrungsgemäss äusserst selten: Warum verbringen wir unsere kostbare Lebenszeit nicht mit den „kleinen“ Dingen, dem was uns und andere so richtig zufrieden und glücklich macht? Den Augenblicken, die so banal und doch so wertvoll sind? Wie zum Beispiel mit jeder einzelnen Begegnung mit unserem Partner, unseren Kindern, unseren Lieben? Was wäre, wenn das die letzte Begegnung wäre? Wie sehr geniessen wir den Moment, wenn sie lachen oder wenn sie einfach nur zufrieden und gesund sind?
Was ist mit den letzten Sonnenstrahlen, bevor die Sonne untergeht? Dem Glas Wein mit Freunden? Der superguten Pizza beim Italiener? Dem süssen Lächeln eines Fremden im Supermarkt? Dem Kaffee am Morgen? Dem Ferientag, an dem die Zeit keine Rolle spielt? Dem monatlichen Gehaltseingang für meine geleistete Arbeit? Der warmen Wohnung, die mir Schutz bietet, egal wieviele Quadratmeter das Reich umfasst?
Wir haben doch eigentlich so viele „kleine“ Dinge, die wir zelebrieren könnten. Dinge, die uns leider oft erst dann als wichtig bewusstwerden, wenn sie plötzlich nicht mehr da sind. Wenn sie die Summe des Lebens ausmachen und das grosse Glück bedeuten, warum sind wir dann so blöd und lassen uns von empörten Mitmenschen und Medien mitreissen, statt jede Minute zu geniessen?
Soziale Konflikte und die Belehrung von den „Guten“
Tja, und wenn wir der Ansicht sind, dass es äusserst verantwortungslos wäre, so zu leben, als wäre das eigene Glück wichtiger, als viele gesellschaftliche Probleme, die den Großteil der mehr oder weniger sinnbefreiten Debatten ausmachen, dann habe ich eine vielleicht spektakuläre Ahnung: Würden wir uns alle ein bisschen mehr um die eigenen kleinen Glücksmomente kümmern, statt uns in die – zugegeben oft amüsanten - Angelegenheiten anderer, die wir nicht verstehen, einzumischen, dann würden wir auch einen grossen Anteil zum Glück der anderen beitragen und damit zu einem friedlicheren Zusammenleben.
Unwahrscheinlich? Seien wir doch mal ehrlich: Soziale Konflikte werden nie gelöst oder verbessert, wenn wir den anderen darüber belehren, wie falsch er liegt. Er muss ja geradezu mit Rebellion reagieren, wenn er seine Würde nicht verlieren will. Denn er ist genau wie ich, er will Recht behalten. Er will nicht als Vollidiot dastehen. Ein durchaus legitimes Anliegen.
Fifty Shades of Grey
Nach dem obigen Filmzitat habe ich beschlossen: Meine Zeit ist meistens zu kostbar für diese gesellschaftlichen Debatten über Frisuren und klebstoffschnüffelnde – pardon, ich meinte natürlich klebstoffbehaftete Teenies. Ich muss nicht zu allem eine Meinung haben. Aber ich kann es natürlich und ich bin leider der Typ Mensch, der sich dazu getrieben fühlt, seinen Senf dazuzugeben.
Ich finde, all die Themen und die Konflikte auf dieser Welt sind viel zu komplex, als dass wir sie mit einfachen Erklärungen, Massnahmen und Moralkeulen lösen könnten.
Die Zeit mit meinen Lieben, mein innerer Frieden, meine kleinen Glücksmomente sind mir aber zum Glück vermehrt wichtiger als die Energie für die aufgeregte Gesellschaft, die inzwischen meist nur noch schwarz oder weiss, links oder rechts, gut oder schlecht, falsch oder richtig kennt und mit der gesamten Farbpalette, den vielen bunten Zwischentönen und den „Fifty shades of grey“ nicht einverstanden ist. Unterschiedliche Grau- und Farbtöne scheinen seit kurzem vollkommen in die Kategorie „pervers“ zu fallen. Aber auch, wenn schwarz und weiss die neuen Lieblingsfarben im Denkprozess vieler Leute sind: Ich finde, all die Themen und die Konflikte auf dieser Welt sind viel zu komplex, als dass wir sie mit einfachen Erklärungen, Massnahmen und Moralkeulen lösen könnten.
Weniger komplex ist dagegen das Glück der kleinen Momente. Ich kann sie wahrnehmen und mich daran erfreuen. Oder ich kann sie leugnen oder für weniger wichtig erachten als die Diskussion über gesellschaftliche Aufreger, die bereits in einem Jahr bedeutend an Gewicht verloren haben. Was von alldem im Moment des Verschwindens dieser Momente – und der Tag wird ohne Zweifel kommen - tatsächlich einen Wert hat, wird meistens leider erst genau dann erkennbar sein.
*Ich bin kein Kafka-Kenner noch habe ich jemals etwas von ihm gelesen. Das muss ich zu meiner Schande gestehen. Als ich die Vorschau für den Film „Die Herrlichkeit des Lebens“ sah und diese obenstehenden Sätze fielen, war ich allerdings sofort inspiriert, meinen Text zu schreiben. Ob diese Sätze so wirklich von Kafka selbst stammen oder nur vom Autoren des Buches, Michael Kumpfmüller, weiss ich nicht. Vielleicht bekomme ich nach diesem Artikel die richtige Antwort?