Hinweis: Der ursprüngliche Artikel von Januar 2022 konnte leider nicht vollständig aus meinem alten Blog gerettet werden. Erhalten geblieben ist lediglich die dazugehörige Audiodatei. Deshalb findest Du hier eine überarbeitete Rekonstruktion der damaligen Gedanken. Wer den vollständigen Originaltext hören möchte, kann sich die Audiodatei anhören.
Es gibt Menschen, die blühen auf, sobald ein Scheinwerfer auf sie gerichtet ist. Menschen, die ihre Energie aus der Aufmerksamkeit ziehen und vor Publikum erst richtig in Fahrt kommen.
Ich gehöre nicht dazu. Zu tief sitzen die alten Glaubenssätze, die sich bis heute ungefragt zu Wort melden:
"Was denken die Leute über dich?"
"Mach bloss keinen Fehler."
"Blamiere dich nicht."
"Sag nichts, was du später bereust."
Als ich die Anfrage vom SWR Nachtcafé erhielt, konnte ich vor Nervosität kaum noch schlafen. Mein Herz schien tagelang auf Dauersprint zu sein. Dabei handelte es sich nicht um irgendeine Fernsehsendung, sondern um eine Talkrunde, die ich seit Jahren immer wieder gerne anschaue. Nicht jede Folge, aber viele. Und plötzlich sollte ich selbst dort sitzen und über meine Geschichte sprechen.
Irgendwie fühlte sich das vollkommen surreal an.
Einerseits war ich stolz und dankbar, nach einem Vorgespräch eingeladen worden zu sein. Andererseits sass mein innerer Kritiker auf der Rückbank und schrie ununterbrochen nach vorne: "Verkack es nicht!"
Ein sehr anstrengender Beifahrer.
Was mich bis heute wundert: Warum beginnt Lampenfieber eigentlich eine Woche vor dem Ereignis? Eine halbe Stunde vorher würde doch völlig reichen.
Was mir letztlich geholfen hat, war ein anderer Gedanke. Vielleicht geht es an diesem Abend gar nicht um mich.
Vielleicht sitzen irgendwo Menschen vor dem Fernseher, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Menschen, die nach einem Sektenausstieg ihre Familie verloren haben. Menschen, die seit Jahren mit Kontaktabbrüchen, Schuldgefühlen, Ängsten oder dem Gefühl kämpfen, nirgendwo mehr richtig dazuzugehören.
Die Vergangenheit verschwindet nicht einfach, nur weil man einen Schlussstrich zieht. Oft wirft sie noch lange Schatten auf Beziehungen, Selbstwertgefühl und das Vertrauen ins Leben.
Wenn meine Geschichte auch nur einem einzigen Menschen das Gefühl geben konnte, nicht allein zu sein, dann war die Nervosität ihren Preis wert.
Dieser Gedanke hat die Angst nicht verschwinden lassen.
Aber er hat sie auf eine Grösse geschrumpft, mit der ich leben konnte.
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