1_Zeitgeistiges

Der Denkfehler, der Generationen überlebt

Von Naty Barth,

Veröffentlicht am 16. Aug. 2026   —   3 Min. Lesezeit

Blinder Fleck in der eigenen Bubble

Zusammenfassung

Warum glauben ausgerechnet die kritischsten Menschen oft am festesten daran, völlig unabhängig zu denken? Eine unbequeme Antwort.

Geschichte ist manchmal erstaunlich unoriginell. Nicht, weil sie sich eins zu eins wiederholt. Sondern weil Menschen immer wieder dieselben Denkfehler machen.

Einer davon lautet: "Ich habe das im Griff."

Franz von Papen glaubte 1933, Adolf Hitler kontrollieren zu können. Und der Medienunternehmer Alfred Hugenberg war überzeugt, er könne Hitlers Bewegung für seine eigenen Ziele nutzen. Beide überschätzten sich. Beide wurden am Ende von genau der Entwicklung überrollt, die sie für beherrschbar hielten.

Nein, daraus folgt nicht, dass man heutige Politiker oder Bewegungen mit damals vergleichen müsste. Geschichte ist nicht eins-zu-eins kopierbar. Auch wenn uns gewisse Kreise mir ihren permanenten Hitler-Vergleichen genau das verkaufen möchten. Aber sie ist ein ziemlich guter Spiegel menschlicher Selbstüberschätzung.

Interessant ist nämlich: Dieser Denkfehler ist völlig unabhängig von der politischen Richtung. Auch auf der anderen Seite gab es ihn zur damaligen Zeit. Ende der 1920er-Jahre betrachteten die deutschen Kommunisten die Sozialdemokraten zeitweise als den gefährlicheren Gegner als die Nationalsozialisten. Die Parteizeitung der KPD nannte die SPD 1929 den "Sturmbock des Faschismus". Der Feind im eigenen Lager erschien bedrohlicher als der eigentliche Gegner. Eine gemeinsame Front gegen Hitler kam deshalb nie zustande.

Die Bubble

Warum erzähle ich das? Weil ich das Gefühl habe, dass wir auch heute weniger unter einem Mangel an Informationen leiden als unter einem Mangel an Selbstzweifeln.

Jede Gruppe hält sich für die vernünftigste. Jede Bubble glaubt, die Manipulation der anderen längst durchschaut zu haben. Und genau darin liegt vielleicht die eigentliche Ironie: Wer überzeugt ist, selbst völlig unabhängig zu denken, sitzt oft schon mitten in seiner selbst geschaffenen Gedankenblase.

Früher sprach man von politischen Lagern. Heute sprechen wir von Bubbles. Der Unterschied ist subtil. Lager hatten sichtbare Grenzen. Heute übernehmen Algorithmen einen Teil dieser Arbeit. Sie zeigen uns bevorzugt das, worüber wir uns aufregen, was unsere Meinung bestätigt und uns möglichst lange am Bildschirm hält. Niemand muss uns sagen, was wir denken sollen. Es reicht oft schon, uns immer wieder das Gleiche zu zeigen. Und das wirkt! Ob wir es wollen oder nicht.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Lehre aus der Geschichte: Nicht, dass immer "die anderen" denselben Fehler machen. Sondern dass Menschen erstaunlich gut darin sind, ihre eigene Unfehlbarkeit zu überschätzen.

Vielleicht beginnt echtes Denken genau dort, wo man sich gelegentlich fragt:

"Wo könnte ich mich gerade irren?" oder sogar: "Wo könnte der andere gerade recht haben?"

Man liegt deshalb nicht automatisch falsch. Aber diese Frage ist oft der einzige zuverlässige Schutz davor, sich selbst für die Ausnahme zu halten.


🧠 Warum wir so ticken

Die Psychologin Emily Pronin nennt es den Bias Blind Spot: Menschen erkennen Denkfehler bei anderen zuverlässig, bei sich selbst fast nie. In ihren Studien hielten sich fast alle Befragten für unterdurchschnittlich beeinflussbar, egal wie gebildet oder reflektiert sie waren. Und je mehr jemand über die eigene Position nachdachte, desto sicherer fühlte er sich, obwohl genau das eigentlich hätte misstrauisch machen sollen.

Verwandt ist der naive Realismus: die stille Annahme, man selbst sehe die Welt einfach, wie sie ist, während die anderen durch Ideologie oder Gruppenzugehörigkeit gefärbt urteilen. Wer so denkt, hält abweichende Meinungen fast automatisch für einen Mangel an Vernunft beim Gegenüber. Jedoch selten für eine mögliche Verzerrung bei sich selbst.

Beide Effekte erklären, weshalb die Frage "Wo könnte ich mich gerade irren?" tatsächlich etwas leistet. Sie ist einer der wenigen bekannten Wege, den blinden Fleck kurz sichtbar zu machen, wohl wissend, dass er sich meist schon wieder neu eingerichtet hat, sobald man glaubt, ihn überwunden zu haben.




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