Manche empfinden meine Texte zu provokativ. Weil ich Dinge an- und ausspreche, über die viele lieber nicht reden würden. Darüber habe ich viel nachgedacht in letzter Zeit. Und mir fiel ein, dass ich dieses "Provozieren" schon als Kind praktiziert habe. Das war anstrengend für meine familiäre Umgebung! 😊
Die Reaktionen waren in der Regel:
1. Ich verlasse den Raum, damit ich nicht mehr hören muss, was du sagst. Rückzug. Distanz.
2. Ich ignoriere dich und rede über ein komplett anderes Thema.
3. Ich betitle dich und was du tust als lächerlich, mache mich lustig darüber.
Provokativ waren zum Beispiel folgende Fragen:
"Bist Du glücklich?"
"Wer sagt, dass man das so machen muss? Wieso geht das nicht auch anders?"
"Aber wenn Dich der Garten stresst, dann musst du ihn doch nicht machen. Es zwingt Dich doch niemand."
"Wieso stimmt das? Woher weisst Du das?"
Noch dazu wuchs ich in einer fundamentalistischen Religion auf, in der sowieso nie alles gesagt, geschweige denn gefragt werden durfte. Die Folgen wären u.a. soziale Sanktionen gewesen. Man wurde als "geistig krank" oder "gefährlich" betitelt. Es wurde plötzlich Abstand gehalten, weil diese "Geistige Krankheit" ansteckend war. Zweifel galten nicht als Beginn eines Gesprächs, sondern als Gefahr. Liebesentzug und emotionale Erpressung würde ich das heute nennen, was dort passierte.
Für mich war es aber schon immer wichtig, echte Verbindungen zu erleben. Keine Oberflächlichkeiten. Richtig tiefe Gespräche, Freundschaften, Beziehungen. Und darum war ich im Grunde nicht diejenige, die wirklich provozierte. Sondern diejenige, die den Elefanten im Raum gesehen und sichtbar gemacht hat. Denn ich glaube, eine wirklich echte Nähe ist kaum möglich, wenn sich zwischen uns ein grosser, dicker Elefant befindet.
Wenn man allerdings eine solche Nähe möchte, dann muss man auch bereit sein über Dinge zu sprechen, die Konflikte auslösen können. Und nicht einen wichtigen Teil, den dunklen Teil, der zum Leben dazugehört, zu verleugnen, zu meiden. Tiefe entsteht nicht dadurch, dass man immer einer Meinung ist. Sondern dadurch, dass beide bereit sind, den anderen auszuhalten, auch wenn es unbequem wird.
Ich finde es auch heute schwierig, mit Menschen über Dinge offen zu reden, über die man zu schweigen gelernt hat. Nicht, weil ICH es nicht möchte. Sondern weil es in unserer Gesellschaft oft gang und gäbe ist, Menschen, die Tabuthemen ansprechen oder Fragen stellen auszusortieren. Mit sozialen Sanktionen zu belegen. Mit Prädikaten wie "die oder der spinnt" und neuerdings in inflationärer Weise - weitaus schlimmer - "Nazi" oder "Faschist" zu bezeichnen.
Während Corona zerbrachen Freundschaften an unterschiedlichen Überzeugungen. Heute genügt oft die "falsche" politische Meinung, um vom Gesprächspartner zur Persona non grata zu werden. Nicht das Argument zählt zuerst, sondern das Etikett.
Und da kommt mein Blog ins Spiel und der Grund, warum ich ihn überhaupt wiederbelebt habe. Hier spreche ich Dinge aus, über die andere lieber schweigen. Nein, nicht um des Provozierens willen. Selbst wenn es provokant ist. Sondern weil ich hoffe, dass dort endlich ein Raum entsteht, in dem Menschen sagen können:
"Ja. Darüber können wir reden."
Diejenigen die glauben, ich würde nur sinnlos provozieren, die wird es weiterhin geben. Sie erinnern mich gewaltig an mein früheres Leben. Wenn schwierige Fragen auftauchten, wurde nicht diskutiert, sondern ausgewichen oder etikettiert. Und genau das passiert auch in unserer stinknormalen Gesellschaft, wenn jemand einen Konflikt nicht aushalten kann.
Aber es gibt auch diejenigen, vielleicht Dich, die es erleichternd finden, wenn es diesen Raum gibt, in dem erlaubt ist, echt und tief zu sein. Wo Konflikte und Diskussionen sein dürfen und dennoch nicht die Verbindung verloren geht. Sondern so erst wirklich eine ECHTE Verbindung entstehen kann.
Vielleicht ist “Provokation“ ja manchmal einfach nur eine Wahrheit, ausgesprochen im falschen Raum.
🧠 Warum wir so ticken
Konflikte fühlen sich für viele Menschen gefährlicher an, als sie tatsächlich sind. Denn unser Gehirn unterscheidet nicht immer besonders sinnvoll zwischen einer Bedrohung unserer körperlichen Sicherheit und einer Bedrohung unseres Selbstbildes, unserer Zugehörigkeit oder unserer Überzeugungen.
Wenn jemand etwas infrage stellt, das für uns selbstverständlich, richtig oder identitätsstiftend ist, entsteht deshalb schnell Abwehr. Wir argumentieren nicht mehr nur über eine Sache. Plötzlich verteidigen wir auch uns selbst.
Und dann tun Menschen genau das, was sie auch in anderen Stresssituationen tun: Sie kämpfen, ziehen sich zurück, erstarren oder versuchen, die Spannung möglichst schnell zu beenden. Wir wechseln das Thema. Werden laut. Machen den anderen lächerlich. Brechen ein Gespräch ab. Oder kleben ihm ein Etikett auf, mit dem wir uns nicht mehr mit seinen Argumenten beschäftigen müssen.
Das Interessante daran: Konfliktvermeidung schützt zwar kurzfristig die Harmonie, kann langfristig aber genau das verhindern, wonach wir uns eigentlich sehnen: echte Nähe.
Wirkliche Verbindung bedeutet nicht: „Du denkst wie ich.“
Sie bedeutet: „Du darfst anders denken als ich und ich bleibe trotzdem im Raum.“
Wer Konflikte nicht nur als etwas verstehen möchte, das möglichst schnell gelöst oder vermieden werden muss, dem empfehle ich das Buch „Die Magie des Konflikts“.
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