"Wenn du dein Leben ändern willst, musst du zuerst aufhören, anderen die Schuld zu geben."
Es hat schon etwas sehr groteskes, wenn einem von Frauen, die sich selbst als Opfer sehen oder sogar tatsächlich Opfer sind (der wohl wesentlich kleinere Teil) eingeredet wird, man müsste sich nun ebenfalls als Opfer fühlen. Weil man eine Frau ist. Aus Solidarität versteht sich.
Ich bin da lieber Herrin meines Lebens als Opfer. Denn mein Opferstatus würde die andere Frau nicht dazu befähigen, sie aus ihrem Leid rauszuholen. Ganz im Gegenteil. Dann suhlen wir uns gemeinsam in diesem Elend und machen ausschließlich andere verantwortlich. Und geben damit unsere Macht ab, sind also tatsächlich ein ohnmächtiges Opfer. Freiwillig. Selbstermächtigung scheint wohl nicht jedermanns (jederfraus) Sache zu sein.
Jeder von uns ist irgendwann einmal Opfer. Opfer eines Systems. Opfer eines Mannes. Opfer einer Frau. Opfer von Mobbing. Opfer von Ungerechtigkeit. Opfer von Willkürlichkeit. Opfer von religiösen Fanatikern. Opfer von Unehrlichkeit. Ich kenne das alles, hatte viele Krisen in meinem Leben.
Wir sind alle Opfer, ja. Aber wie lange wollen wir dann im Anschluss Opfer bleiben? Das liegt meiner Meinung nach in unserer eigenen Hand.
Außer wir leben in Afghanistan. Oder im Iran. Da ist es wesentlich schwieriger wenn nicht unmöglich, nicht mehr Opfer zu sein. Deshalb halte ich eine Tatsache für mehr als zentral: Unsere Privilegien, die wir hier im Westen haben zu sehen. Anerkennen wir sie? Und vor allem NUTZEN wir sie?
Ich darf studieren. Als Frau!
Ich muss mich nicht einen Hijab oder gar eine Burka einhüllen, sondern kann anziehen was ich will! Ui!
Ich kann heiraten wenn ich will und vor allem muss ich das nicht schon mit 13!
Ich darf meine Homosexualität offen ausleben ohne gesteinigt zu werden!
Mit all den Freiheiten, die wir im Westen besitzen, ist es doch etwas rätselhaft, wenn man die eigene Identität dauerhaft über eine Opferrolle definiert. Das bedeutet nicht, reales Unrecht zu leugnen. Es bedeutet vielmehr, sich nicht darauf reduzieren zu lassen.
Deshalb: Nutze doch diese Freiheit! Hol Dir, was Dir zusteht! Werde super in Deinem Beruf, mache Karriere (so viele Frauen machen es uns vor). Ergreife den Beruf, den DU gerne magst. Trag die Kleidung die Du willst. Heirate oder heirate nicht, wen immer Du willst.
Das unbequeme Spiegelbild
Wahr ist jedoch auch: Wir alle sind Opfer, von Zeit zu Zeit. Aber wir alle sind auch Täter, von Zeit zu Zeit. Denn bei dem ganzen “Wir sind die Guten, ihr seid die Bösen”-Moralisten-Geplapper geht doch eines unter:
Keiner von uns ist heilig. Jeder hat anderen schon schlimmes angetan. Nicht wieder gutzumachendes. Egal, ob Mann oder Frau.
Diese Tatsache mögen Opfer, die ihren Status gerne kultivieren aber nicht so gerne hören. Sie wollen dass die Männer für ihr persönliches Leid im Leben verantwortlich sind. Das System. Das sogenannte Patriarchat.
Warum? Weil es wahnsinnig bequem ist. Weil man sich selbst und den eigenen Leichen im Keller nicht im Spiegel begegnen möchte. Das Würde wahnsinnig am Ego kratzen. Die persönliche, selbst geschaffene Identität in Frage stellen.
Wer das Täter-Opfer-Spiel nicht mehr mitmacht, der ist dann der Verräter. Der Bösewicht.
So einfach.
So verdammt Schwarz und weiss.
🧠 Warum wir so ticken
In der Sozialpsychologie gibt es das Phänomen der Competitive Victimhood (auf Deutsch etwa: Wettstreit um den Opferstatus). Gemeint ist die Tendenz von Menschen oder Gruppen, das eigene Leid als größer oder bedeutsamer darzustellen als das anderer.
Der Opferstatus kann dabei unbewusst zu einer Quelle moralischer Legitimation werden: Wer sich als größeres Opfer wahrnimmt, fühlt sich eher im Recht, erwartet mehr Mitgefühl und sieht die Verantwortung stärker bei anderen. Dadurch kann ein Gefühl moralischer Überlegenheit entstehen: Wer das größere Opfer ist, gilt automatisch als der oder die moralisch Gute.
Dieses Phänomen wird heute unter anderem in der Forschung zu politischen Konflikten, Gruppenidentitäten und verschiedenen Formen des Aktivismus untersucht. Forschende betonen jedoch, dass dies nicht bedeutet, dass das erlebte Leid nicht real wäre. Problematisch wird es erst dann, wenn der Opferstatus zu einem festen Bestandteil der eigenen Identität wird und den Blick auf die eigene Handlungsmacht verstellt. Statt Lösungen zu suchen, entsteht leicht ein Kreislauf aus Schuldzuweisungen, Lagerdenken und der Frage, wer das größere Opfer ist.
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