Nicht alle marschieren mit, stellen sich öffentlich „gegen Rechts“ und wollen ein Verbot der AfD. Warum nicht? Sind diese Leute zu feige oder sind sie Nazis? Das scheinen die einzigen beiden legitimen Erklärungen zu sein.
Wie immer ist das alles gar nicht so einfach. Weil komplexe Dinge nun mal niemals einfach sind und auch nicht schwarz oder weiss erklärt werden können. Wenn wir uns gerne in „Schwarz-Weiss“ Gewässern und einem eindeutigen „Richtig“ oder „Falsch“ Kontext bewegen wollen, können wir die Demokratie gleich dicht machen. Demokratie lebt von unterschiedlichen Ansichten. Von Links und Rechts und Mitte. Und davon, dass wir das aushalten, selbst wenn wir ganz und gar nicht mit der anderen Meinung einverstanden sind. Wenn wir irgendwas von Links, Rechts und Mitte nicht mehr haben wollen, auf die Strasse gehen und die andere Meinung verbieten wollen, stehen wir dann wirklich noch für die Werte der Demokratie ein? Oder treten wir sie nicht in Wirklichkeit mit Füssen?
Mir ist das Moralisten-Gelaber langsam zu blöd. Die Zurschaustellung der Menschen, die sich selbst als gut betrachten und ein Zeichen gegen das setzen wollen, was sie als Überschreitung der Grenze sehen, ist mir derzeit nicht mehr ganz geheuer, die Ziele nicht so edel, wie sie aussehen mögen.
Nach den Corona-Demonstrationen in den letzten Jahren und den Wut-Reden der Leute, die mit den Massnahmen nicht einverstanden waren, habe ich ein merkwürdiges Déjà-vu. Ein weiteres Mal stellen Personen sich als neuzeitliche Sophie Scholls und Anne Franks dar. „Jetzt können wir endlich herausfinden, was wir anstelle unserer Urgrosseltern getan hätten“ liest man auf einem der zahlreichen Plakate “gegen Rechts”.
Sie würden sich im Grab umdrehen
Ja wirklich? Wow, ich glaube Sophie Scholl und Anne Frank würden sich im Grab umdrehen, wenn sie den Mist hören würden. Sie haben mit ihrem Leben bezahlt für ihren Mut, sich gegen die populäre Haltung zu positionieren. Und Ihr rennt zu 50’000 oder mehr auf die Strasse oder schreibt Kommentare von Eurem heimischen festungsähnlichen PC aus und glaubt, Ihr wärt Ihnen ähnlich? Das nenne ich Anmassung.
Um es mit den Worten meines Lieblingskolumnisten, Harald Martenstein, zu sagen: „In jedem echten Parlament gibt es auch Rechte. Sie heissen mal so mal so. Man kann alles Rechte verbieten, das wäre dann halt Diktatur. Nicht jeder mag Diktaturen. Das sollte man respektieren.“(2) Oder wie Voltaire sagte:
„Ich bin zwar anderer Meinung als Sie, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass Sie Ihre Meinung frei aussprechen dürfen.“
Passt das mit einem Verbot einer Partei zusammen, die mir nicht in den Kram passt?
Diktaturen mögen wir nicht so – oder doch?
Wie wäre es denn damit, mal die Grundprobleme eines Landes anzugehen, das sich mehr und mehr rechts positioniert? Hat doch sicher eine tiefere Ursache, wenn viele Menschen sich so eindeutig zu einer Partei bekennen, oder? Alexander Gauland, Ehrenvorsitzender der AfD, mahnte seine Partei,
“sie solle auf dem Boden bleiben, sie sei nicht ausschliesslich so toll, eher seien die anderen wahnsinnig schlecht.”(1)
Ich finde, das gibt uns möglicherweise ein paar kleine Anhaltspunkte, wo der Hund begraben liegt. Die Idee, mit dem Verbot einer Partei, das Problem zu lösen, das dieses Land nicht erst seit gestern hat, ist an Naivität kaum zu überbieten.
Nein, nicht alle mögen Diktaturen. Ein paar schon, aber die findet man leider nicht nur am ganz weit rechtem Rand, sondern auch dort, wo man es eher weniger vermuten würde: In der bürgerlichen Mitte und im linken Flügel. Und diese Leute scheinen sich nicht wirklich bewusst zu sein, dass sie der bekämpfenswerten Feind-Partei damit in Wirklichkeit in die Hände spielen.
Ich hoffe, die neuen Pseudo-Sophie Scholls und Anne Franks gewinnen nicht die Oberhand. Das empfinde ich tatsächlich mehr als beunruhigend. Denn ich gebe es zu, ich bin eine von denen, die Diktaturen nicht ganz so gerne mögen.
Quellen und Weiterlesen:
1) Die Zeit: “Die blaue Gefahr”
2) Die Zeit: ” Über das Wahljahr und die Frage, was rechts ist”