Weisst Du, was mich wirklich müde macht?
Nicht die Arbeit.
Nicht der Alltag.
Auch nicht die Wechseljahre (obwohl die inzwischen schon ganze Arbeit leisten!).
Sondern Menschen, die mit erhobenem Zeigefinger durch die Welt marschieren und dabei so tun, als hätten sie die Wahrheit gepachtet: Politiker, Aktivisten, Kommentatoren, Journalisten und hinterherlaufende Normalos — alle mit derselben Melodie:
Wir sind die Guten. Ihr seid das Problem.
Das nennt sich Moralismus. Und er ist nicht nur ein religiöses Phänomen — er ist überall. In der Politik ganz besonders. Man wechselt einfach die Kulisse, die Kostüme bleiben dieselben. Statt Bibel kommt die Parteilinie. Statt Sünde kommt fehlende politische Korrektheit. Statt Exkommunikation kommt Cancel Culture. Das Prinzip? Identisch.
Dazu gesellt sich das Lagerdenken — dieses uralte «Wir gegen Die», das keine echte Auseinandersetzung mehr braucht, weil die Seiten längst feststehen. Wer nicht bei uns ist, ist gegen uns. Wer zweifelt, ist verdächtig. Wer Fragen stellt, ist das Problem.
Was mich dabei am meisten stört, ist nicht die Überzeugung selbst. Überzeugungen sind gut. Überzeugungen brauchen wir. Was mich stört, ist die Heuchelei dahinter. Politiker, die Freiheit predigen und Verbote unterschreiben. Die Gleichheit fordern und Privilegien geniessen. Die Toleranz als Wert hochhalten — solange man ihrer Meinung ist.
Ich kenne das aus nächster Nähe. Sehr nächster und in meinem Fall sehr religiöser Nähe. Manche von euch kennen meine Geschichte. Ich kann sagen: Moralismus und Heuchelei riechen immer gleich — egal welches Etikett draufklebt und egal ob der Rahmen religiös, politisch oder gesellschaftlich ist.
Was ich mir wünsche?
Mehr Grautöne.
Mehr echte Auseinandersetzung.
Weniger Schablonen.
Weniger Lagerdenken.
Weniger selektive Empörung.
Und mehr Kaffeepausen — zum Durchschnaufen und Nachdenken.