Zeitgeist

Virtue signalling - Seht her, ich bin gut!

Von Naty Barth,

Veröffentlicht am 16. Okt. 2024   —   3 Min. Lesezeit

Zusammenfassung

Moral ist das neue Statussymbol. Früher zeigte man sein Auto. Heute seine Haltung.

Es gibt einen englischen Begriff, der seit den 2000ern kursiert und in abfälliger Weise für die Zurschaustellung des eigenen moralisch vorbildlichen Verhaltens verwendet wird: Virtue signalling. Eine wirkliche deutsche Übersetzung gibt es nicht. Manchmal wird es als Tugendprotzerei oder Tugendprahlerei übersetzt. Im Grunde geht es darum, dass man nach Aussen eine „moralische Korrektheit der eigenen Position zu einem bestimmten Thema demonstriert“.

 Die NZZ sagt: „Nicht tugendhaft sein, sondern tugendhaft scheinen“. Es geht also vor allem um das SCHEINEN, und nicht wirklich darum, dass man diese Tugendhaftigkeit auch selbst praktiziert. Oder es geht um die Rechtfertigung der eigenen Person, man will als jemand gelten, der einfach „auf der richtigen Seite“ steht. Man möchte offiziell zu den „Guten“ gehören und sich von den „Schlechten“ distanzieren.

Mir fällt da spontan der Begriff „nachhaltig“ ein, mit dem sich inzwischen selbst die unnachhaltigsten Firmen schmücken, um ihre Kundschaft zu behalten.

Was ist eigentlich „Tugend“? Das Wort ist ja schon fast antiquiert und wird nur noch selten in unserer Sprache verwendet. Wo der Begriff herkommt und pi pa po kann man hier gerne ausführlich nachlesen: https://www.juraforum.de/lexikon/tugend.

Mit den Worten von Wikipedia zusammengefasst „bezeichnet (es) in der Ethik eine als wichtig und erstrebenswert geltende Charaktereigenschaft, die eine Person befähigt, das sittlich Gute zu verwirklichen.“

 Je nachdem, welche Weltanschauung man bevorzugt, schliessen die diversen Tugendkataloge unterschiedliches Verhalten ein, z.B. Tapferkeit, Mässigung, Gerechtigkeit, Geduld, Fleiss, Reinlichkeit, Pünktlichkeit, Wahrheit etc.

 Ja, wir zeigen alle gerne, dass wir zu den „Guten“ gehören (wollen). In den sozialen Medien bedienen wir uns Hashtags und posten in den Stories unsere guten Aktivitäten. Im Alltag zeigen wir durch Kleidung, Frisur oder durch unsere sprachliche Ausdrucksweise, dass wir eine bestimmte Position vertreten. Wir tun es alle, bestimmt auch oft aus edlen Motiven und nicht nur, weil wir lediglich gut aussehen wollen.

Warum ich es trotzdem so schrecklich finde? Weil der Übergang zum Schwarz-Weiss-Denken und damit zum Extremismus schleichend ist und die Heuchelei nicht weit. Heute bin ich noch gegen die Diskriminierung von Andersdenkenden. Und morgen schon diskriminiere ich selbst die, die anders denken als ich. Heute noch demonstriere ich gegen Rechtsradikale und ihre aggressive Art. Morgen rufe ich selbst zur Gewalt gegen Menschen auf, die meiner Meinung nach rechtsradikal sind. Plötzlich gibt es eine Menschengruppe, die man entmenschlichen und zur Gewalt gegen Sie aufrufen darf, denn wenn einer ein „Nazi-Schwein ist, hat er alle Rechte verspielt“.

Virtue signalling at its best! Oder „Seht her, ich gehöre zu den Guten! Ich habe die richtige Einstellung und ehrliche Ziele! Du nicht.“

Menschen in Kategorien „gut“ und „schlecht“, Verhalten in „richtig“ und „falsch“ einzuordnen, ohne etwas dazwischen zuzulassen, und das Konstruieren von Freund-Feind-Bildern ist übrigens ein ziemlich deutliches Zeichen für Extremismus.

Quellen:

Virtue signalling – Wikipedia
Nicht tugendhaft sein, sondern tugendhaft scheinen: Warum das «virtue signaling» der Menschheit nicht unbedingt hilft, aber zum Menschsein gehört
Prominente und Protestierende üben sich fürs Leben gern in der Darstellung ihrer eigenen Tugendhaftigkeit. Das kann ganz schön nerven. Doch hat das Verhalten einen tieferen Grund.

https://vhs-ehrenamtsportal.de/wissen/integration/integration/formen-des-politischen-und-religioesen-extremismus-ein-einblick

 https://de.wikipedia.org/wiki/Tugend#:~:text=Bürgerliche%20Tugenden%20umfassen%20insbesondere%3A%20Ordentlichkeit,praktische%20Bewältigung%20des%20Alltags%20gerichtet

 

 

Auf Facebook teilen Auf LinkedIn teilen Auf Twitter teilen Per E-Mail senden

Newsletter abonnieren

Abonnier den Newsletter und bekomm die News und Updates direkt ins Postfach.

Abonnieren