3_Leise Gedanken

Zwischen Alltag und Abenteuer liegt manchmal nur ein „Scheiss drauf“

Von Naty Barth,

Veröffentlicht am 13. Sep. 2026   —   5 Min. Lesezeit

Alltag und Abenteuer: Lebendigsein Wasserfall

Zusammenfassung

Eine kleine Spurensuche zwischen Funktionieren, Freiheit und den Momenten, die das Leben auf den Kopf stellen.

„Wenn du alle Regeln befolgst, verpasst du den ganzen Spass.“
Katharine Hepburn

Manchmal besteht das Leben hauptsächlich aus funktionieren, funktionieren, funktionieren. Alles was getan wird, soll dann auch bitteschön noch vernünftig, effizient und sinnvoll sein. Und das nicht nur im Beruf, sondern leider auch in der Freizeit.

Ich ertappe mich dabei, dass ich die Wochenenden mit Aufgaben, die gefälligst als guter Bürger zu erfüllen sind, vollkleistere. Und weil ich inzwischen schon sehr vergesslich bin, schreibe ich mir das auch noch alles in den Kalender, damit eben ja nichts untergeht. Meine Güte, wenn irgendetwas davon nicht gemacht werden würde! Dann würde offensichtlich die Welt untergehen.

Wenn ich dann allerdings merke, mir fehlt die Energie, um wirklich alle Aufgaben zu bewältigen, und anfange zu priorisieren und den Rest links liegen zu lassen, dann kommt eine erstaunliche Wahrheit ans Licht:

Siehe da, die Welt geht nicht unter. Und die Polizei stand deswegen auch noch nicht vor der Tür.

Obwohl die Wohnung nicht gesaugt wurde.
Obwohl das Bett am Nachmittag noch nicht gemacht wurde.
Obwohl das Unkraut im Garten munter weiterwächst.

Das alles könnte ja eine Lehre fürs nächste Mal sein. Aber nein, ist es nicht. Das
Funktionierenmüssen und der Drang, alle mehr oder
weniger sinnvollen Aufgaben irgendwo unterzubringen, scheinen in meine Gene
eingeschrieben zu sein wie meine blauen Augen.

Und immer wieder stelle ich mir eine Frage, und diese immer öfter:

Wann war ich das letzte Mal so richtig innerlich frei und
ausgelassen?
Glücklich?
Lebendig?

Das reine Funktionieren und Erfüllen aller an mich gestellten Erwartungen jedenfalls macht mich weder lebendig noch glücklich. Ich tanze auch nicht ausgelassen und voller Freude durch die Wohnung, weil ich endlich das Bett gemacht oder die Steuererklärung ausgefüllt habe.

Hauptzutaten für die geilen Momente

Ich habe mir mal die Mühe gemacht, wichtige Situationen meines Lebens aufzuschreiben, in denen ich absolut mit mir im Reinen, glücklich und zufrieden und herrlich lebendig war. Momente, die sich mir eingebrannt haben. In denen ich lächelte oder lachte, weil es so schön war. Oder so aufregend. Und siehe da, es kam doch einiges zusammen.

Die Essenz aus all diesen Momenten kann ich bei mir auf ein paar simple Hauptzutaten reduzieren:

Verbindung: Ich brauche echte Resonanz. Menschen, mit denen etwas Zwischenmenschliches passiert: Liebe, Lachen, Tiefe, gemeinsames Denken, Flirt, Berührung, ein intensives Gespräch.

Freiheit: Nicht ständig vernünftig, verantwortlich und funktional sein. In meinen schönsten Erinnerungen habe ich nicht gefragt, ob das jetzt gerade effizient oder sinnvoll ist. Ob ich dafür überhaupt Zeit habe. Und was ich danach noch alles erledigen muss.

Körper und Sinnlichkeit: Wasser. Tanzen. Wandern. Wärme. Essen. Wein. Musik. Natur. Bewegung.
Mein Zugang zu Lebendigkeit führt auffällig oft durch den Körper und die Sinne, nicht nur über Gedanken.

Entdeckung und Entwicklung: Ich will mich erweitern. Dazulernen. Neue Perspektiven einnehmen. Neue Gedanken. Neue Fähigkeiten. Neue Seiten meiner Persönlichkeit entdecken.
Ich glaube nicht, dass es ein Alter gibt, in dem man ausgelernt hat und über das Leben sowie über sich selbst schon alles weiss. Ich möchte noch mit 90 neugierig bleiben und erleben, dass ich mich immer wieder irre und somit etwas Neues an Wissen gewinnen kann. Eigentlich wäre es doch ziemlich schade, irgendwann mit sich und der Welt „fertig“ zu sein.

Dosierte Unvorhersagbarkeit: Ich brauche ein bisschen:

„Ich weiss noch nicht, wie das hier ausgeht.“

Nicht Chaos. Nicht existenzielle Unsicherheit. Eher kontrollierbare Unsicherheit. Genug Sicherheit, dass ich mich hineinwagen kann. Genug Ungewissheit, dass ich wach werde.

Intensität: Ich brauche nicht möglichst viele Erlebnisse. Ich brauche gelegentlich Erlebnisse, bei denen ich viel fühle. Tiefe Liebe. Tränen lachen. Ehrfurcht bei Musik. Stolz auf einem Gipfel. Die Schönheit einer Landschaft. Angst überwinden. Ein Gespräch, das die ganze Nacht dauert.

Und dann kommt noch absolute Präsenz im Augenblick wie ein Verstärker zu diesen Hauptzutaten dazu. Denn in keiner meiner Erinnerungen habe ich dabei über meinen Kontostand, mein Gewicht, meine Karriere, die Vergangenheit oder meine To-do-Liste nachgedacht. Nein, ich war mitten drin im Geschehen.

Vielleicht ist genau das der entscheidende Unterschied: In diesen Momenten habe ich mein Leben nicht beobachtet, bewertet oder optimiert. Ich habe es einfach gelebt.

Das Gegenteil von Lebendigkeit

Das Gegenteil von Lebendigkeit ist nicht Traurigkeit. Oder Depression. Oder Lethargie.

Es ist Funktionieren.

Planen. Organisieren. Nachdenken. Abarbeiten. Probleme antizipieren. Vergangenheit analysieren. Zukunft absichern. Das sind alles Fähigkeiten, die ich brauche und in denen ich ziemlich trainiert bin.

Aber mein „Mich-lebendig-Fühlen“ entsteht offenbar dort, wo dieser innere Kontrollraum für eine Weile die Monitore ausschaltet und ich nicht mehr darüber nachdenke, wie mein Leben sein sollte. Denn ich bin damit beschäftigt, es zu erleben.

Und ganz ehrlich: Wie viel Funktionieren braucht denn ein geglücktes Leben wirklich? Sind wir durch tausend Absicherungen, Versicherungen und Routinen nicht manchmal einfach nur Maschinen, die nicht mehr sonderlich viel mit dem Prädikat "Mensch" zu tun haben?

Die gleich folgende Frage ist abgedroschen. Eigentlich geht sie mir manchmal schon tierisch auf den Geist. Aber ich gestehe, dass ich sie mir trotzdem ab und an stelle und mir das guttut:

Wann hast Du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?

Und ich möchte sie für mich noch abwandeln:

Wann hast Du das letzte Mal etwas getan, das Dich wirklich glücklich gemacht hat?

Ich finde, beide Fragen können stark zusammenhängen. Mich endlich in tiefes Wasser zu wagen und dort zu schwimmen, obwohl ich tierische Angst habe, hat mich mit einem richtigen Dopaminschub versorgt. Nicht weil ich plötzlich keine Angst mehr hatte, sondern weil ich es trotzdem getan habe.

Diesen Artikel habe ich übrigens an einem Samstagmittag geschrieben. Meine Zähne sind noch nicht geputzt, das Bett ist ungemacht. Staubsaugen wäre fällig.

Aber weisst Du was?

Zu schreiben fühlt sich für mich nach Spaas an. Nach kreativem Ausdruck. Nach Lebendigkeit.

Und vielleicht war genau das heute die wichtigere Aufgabe.

Davon brauche ich unbedingt mehr in meinem Leben!

Was sind Deine Momente, in denen Du Dich lebendig, glücklich und zufrieden gefühlt hast?

Erwecke diese Erinnerungen wieder zum Leben. Denn wer weiss, was sie mit Dir machen. Vielleicht stellen sie Dein bisheriges Leben ja ein bisschen auf den Kopf. Oder machen es zumindest wieder etwas lebendiger. Das Risiko würde ich eingehen. Vorausgesetzt Du willst das.

 


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